LIT Training im Radsport: Warum langsames Fahren dich schneller macht

Low Intensity Training ist kein Kaffeefahrt Tempo

Low Intensity Training klingt für viele nach locker rollen, bisschen quatschen, Puls unten halten und fertig. In Wahrheit ist LIT einer der strategisch wichtigsten Bausteine im Ausdauertraining. Wer ihn unterschätzt, verschenkt enormes Potenzial.

Im Kern bedeutet LIT Training eine Belastung, bei der überwiegend aerobe Stoffwechselprozesse dominieren. Die Energie wird primär mithilfe von Sauerstoff bereitgestellt, der Anteil der Fettverbrennung ist hoch, der Kohlenhydratverbrauch moderat. Subjektiv fühlt sich das nach einer Intensität von etwa zwei bis vier auf einer Skala von eins bis zehn an. Du kannst dich unterhalten, deine Atmung ist ruhig, der Puls stabil.

Doch genau hier beginnt das Missverständnis. Nur weil es sich leicht anfühlt, ist es nicht beliebig.

Die physiologische Grundlage von LIT

Bei niedriger Intensität arbeitet dein Körper überwiegend mit Typ 1 Muskelfasern. Diese roten, ausdauernden Fasern besitzen eine hohe Dichte an Mitochondrien und sind spezialisiert auf aerobe Energiegewinnung. Sie können über lange Zeiträume Energie liefern, solange die Intensität moderat bleibt.

Sobald du zu hart fährst, werden vermehrt Typ 2 Fasern rekrutiert. Diese schnellzuckenden Fasern produzieren mehr Leistung, benötigen dafür aber mehr Kohlenhydrate und produzieren schneller Laktat. Der Stoffwechsel verschiebt sich. Aus Low Intensity wird unbemerkt Moderate Intensity.

Genau das ist der Punkt. LIT funktioniert nur, wenn es wirklich niedrig intensiv bleibt.

Viele Athleten fahren zu schnell für LIT und zu langsam für echtes Intervalltraining. Das Resultat ist eine metabolische Grauzone, die weder die maximale Fettstoffwechselkapazität noch die hohe Leistungsfähigkeit optimal trainiert.

Laktat, Fettstoffwechsel und die Zone 2 Debatte

In der Trainingspraxis wird LIT häufig über Laktatwerte, Herzfrequenz oder Prozentbereiche der Schwellenleistung definiert. Klassisch gilt ein Laktatwert bis etwa zwei Millimol als obere Grenze. Allerdings ist das stark individuell.

Präziser ist der Blick auf den maximalen Fettstoffwechsel, häufig als Fatmax bezeichnet. In diesem Bereich oxidiert dein Körper Fette mit höchstmöglicher Rate. Bei vielen Sportlern liegt diese Intensität unterhalb der ersten Laktatschwelle und oft unterhalb dessen, was sie subjektiv als locker empfinden.

Hier wird deutlich, warum Diagnostik sinnvoll sein kann. Pauschale Prozentwerte von FTP oder Herzfrequenz sind nur Näherungen. Individuelle Unterschiede im Stoffwechsel sind erheblich, gerade bei Hobbyathleten im Masterbereich.

Warum langsames Fahren deine Leistung verbessert

Es klingt paradox. Du willst schneller werden, also fährst du langsam. Doch Training ist nicht das Nachspielen des Wettkampfs. Training ist das gezielte Ansprechen physiologischer Systeme.

Durch umfangreiches Training im niedrigen Intensitätsbereich passieren mehrere Anpassungen:

Die Anzahl und Effizienz der Mitochondrien steigt.
Die Kapillarisierung der Muskulatur verbessert sich.
Die Fähigkeit zur Fettverbrennung nimmt zu.
Die metabolische Flexibilität wird gesteigert.

Das bedeutet konkret, dass du bei gleicher Leistung weniger Kohlenhydrate verbrauchst und länger stabil bleiben kannst. Gerade bei längeren Rennen oder intensiven Gravel Events entscheidet das über Einbruch oder Durchziehen.

Zeit in Zone schlägt Durchschnittswert

Ein entscheidender Punkt, der häufig falsch verstanden wird, ist die Steuerung der Intensität. Es geht nicht darum, am Ende eine durchschnittliche Zielwattleistung erreicht zu haben. Es geht darum, möglichst viel Zeit exakt in der vorgesehenen Zone zu verbringen.

Wenn du 150 Watt als LIT Bereich definiert hast und immer wieder auf 200 Watt beschleunigst, verschiebst du deinen Stoffwechsel. Der Durchschnitt mag passen, der Trainingsreiz jedoch nicht.

Gerade im Grundlagenaufbau ist Disziplin gefragt. Sauberes LIT Training ist monoton, unspektakulär und mental anspruchsvoll. Doch genau diese Konstanz erzeugt strukturelle Anpassungen.

Wie viel LIT ist sinnvoll

Im leistungsorientierten Ausdauersport zeigt sich immer wieder eine klare Verteilung. Zwischen achtzig und neunzig Prozent der Trainingszeit werden in niedriger Intensität absolviert. Der Rest verteilt sich auf hochintensive Reize.

Dieses sogenannte polarisierte Modell hat sich über viele Jahre in verschiedenen Ausdauersportarten bewährt. Für ambitionierte Hobbyfahrer bedeutet das nicht, dass sie ausschließlich langsam fahren sollen. Es bedeutet, dass die Grundlage den Großteil des Trainings ausmachen sollte.

Gerade im Alter ab vierzig gewinnt dieser Ansatz zusätzlich an Bedeutung. Die Regenerationsfähigkeit nimmt ab, die orthopädische Belastbarkeit verändert sich, das Verletzungsrisiko steigt. Umfangreiches Training in niedriger Intensität ist metabolisch wirksam, aber orthopädisch deutlich verträglicher als ständige mittlere oder hohe Intensitäten.

Dauer des LIT Trainings

Ein häufiges Missverständnis ist die Annahme, LIT wirke erst nach einer bestimmten Mindestdauer. Physiologisch beginnt die Nutzung der Typ 1 Fasern sofort. Jede Minute in der Zone ist wirksam.

Dennoch spielt die Gesamtenergiemenge eine Rolle. Je besser dein Trainingszustand, desto größer muss der Reiz sein, um weitere Anpassungen zu erzeugen. Das bedeutet nicht zwangsläufig höhere Intensität, sondern häufig längere oder häufigere Einheiten im gleichen Bereich.

Hier trennt sich Geduld von Ungeduld. Die Anpassungen im aeroben System sind langsam, aber nachhaltig.

LIT ist kein Freifahrtschein für Nachlässigkeit

Low Intensity Training ist nur dann effektiv, wenn es bewusst gefahren wird. Eine saubere Tritttechnik, stabile Rumpfhaltung und kontrollierte Atmung gehören genauso dazu wie die richtige Intensität.

Viele Fahrer unterschätzen zudem die Bedeutung der Ernährung in diesem Bereich. Wer jede LIT Einheit hoch mit Kohlenhydraten versorgt, verändert unter Umständen die gewünschte Stoffwechselanpassung. Gleichzeitig darf das Training nicht zur Unterversorgung führen. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt.




Fazit: Die unspektakuläre Grundlage entscheidet

Low Intensity Training ist kein langweiliges Pflichtprogramm. Es ist das Fundament deiner Leistungsfähigkeit. Ohne stabile aerobe Basis verlieren hochintensive Reize an Wirkung.

Wer langfristig schneller werden will, muss lernen, langsam zu fahren. Nicht als Kompromiss, sondern als strategisches Element.

Konsequente Zeit in der richtigen Zone, saubere Intensitätskontrolle und ausreichender Umfang machen den Unterschied. LIT ist kein Trainingsrest. Es ist die Basis, auf der alles andere aufbaut.


 
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